Die größten Skandale in der Formel 1 – Teil 1

Jeder Fan wünscht sich sauberen Sport. Doch überall dort, wo viel Geld im Spiel ist, gibt es auch die Versuchung sich jenseits der Regeln des Fairplays den entscheidenden Vorteil zu verschaffen. Die Formel 1 bildet diesbezüglich keine Ausnahme. Seit sich die Königsklasse des Motorsports in Bernie Ecclestones „Rennzirkus“ verwandelt hat, der Milliarden umsetzt, kommt es fast in schöner Regelmäßigkeit zu folgenschweren Skandalen. Ein Italiener hatte dabei vor allem in der jüngeren Vergangenheit immer wieder seine Hände im Spiel. Die Vielzahl an Skandalen sorgten dafür, dass Flavio Briatore an keiner Rennstrecke mehr willkommen ist. Doch bis heute ist der frühere Benetton- und Renault-Teamchef ein Intimus von Ecclestone – und dafür verantwortlich, dass das Business weitergeht. Wagen wir gemeinsam einen Blick auf die dunkle Seite der Formel 1 und erinnern uns an die größten Skandale der Geschichte der Königsklasse.

Ein Unterboden, eine schwarze Flagge und ein Weltmeistertitel mit Scham: Das Jahr 1994

Flavio BriatoreBevor die Saison 1994 startete, war es für Buchmacher und Experten gleichermaßen eine klare Sache, welcher Pilot sich den Weltmeister-Titel sichern würde. Ayrton Senna nahm endlich im Williams-Renault Platz, nachdem sein Intimfeind Alain Prost das Cockpit geräumt hatte. Der Franzose konnte mit dem britischen Rennstall im Jahr 1993 seinen vierten Fahrertitel gewinnen und beendete danach seine aktive Karriere.

Mit Sennas Wechsel zu Williams schien endlich der beste Pilot im stärksten Auto Platz zu nehmen. Michael Schumacher galt damals zwar als Kandidat auf einige Rennsiege, den Titel traute dem talentierten Deutschen so gut wie niemand schon in diesem Jahr zu. Was folgte, war eine Tragödie vor den Skandalen. Senna fiel in den ersten drei Rennen aus, die Schumacher gewinnen konnte. In Imola kam es dann zur schlimmsten denkbaren Katastrophe. Die Lenksäule des Brasilianers brach, der dadurch mit mehr als hundert Stundenkilometer in die Mauer prallte. Nach 16 Stunden, in denen die Ärzte um Sennas Leben kämpften, mussten die Mediziner aufgeben. Von nun an lag ein Schatten über der Formel 1 Saison 1994, der sich nicht mehr haben sollte – verantwortlich waren Schumacher und sein Benetton-Team.

Den Anfang machte der Große Preis von England: Schumacher überholte in der Einführungsrunde Damon Hill, der nach dem Ableben Sennas bewiesen hatte, dass er sehr viel mehr als nur ein Wasserträger war. Warum der Deutsche diesen klaren Regelverstoß beging, ist bis heute nicht völlig geklärt. Vermutlich wollte Schumacher Hill provozieren. Die Rechnung ging nicht auf: Die Rennleitung verhängte eine Zeitstrafe gegen den Deutschen, der dafür an die Box hätte fahren sollen. Nach Rücksprache mit seinem Kommandostand ignorierte Schumacher die Strafe, da er Hill in der Aufwärmrunde wieder hatte passieren lassen.

Nun folgte eine der bemerkenswertesten Episoden in der Geschichte der Formel 1, zu der sich die Aussagen bis heute widersprechen: Schumacher wurde disqualifiziert, man zeigte ihm schwarze Flaggen. Allerdings nicht durchgehend, sondern nur für mehrere Kurven. Der Deutsche erklärte anschließend, er sei weitergefahren, weil er die Flaggen nicht gesehen habe. Sein Teamchef Flavio Briatore gab allerdings zu Protokoll, dass man mit der Rennleitung gesprochen habe. Diese habe gesagt, Schumacher werde doch nicht ausgeschlossen. Später schloss sich der Kerpener dieser Version an. Von der Rennleitung gab es nie ein schlüssiges Statement, ob es tatsächlich ein Gespräch mit Schumachers Team gab oder nicht.

Man gab einzig bekannt, dass man die schwarzen Flaggen keinesfalls zurückgenommen habe. Nach der Ansicht der Stewarts hatten Schumacher und sein Benetton bewusst eine Disqualifikation missachtet. Schumacher wurde in der Folge für zwei Rennen gesperrt. Damon Hill siegte in beiden Rennen, bei denen der Deutsche pausieren musste und so machte der Brite die WM so wieder spannend. Einer der beiden Läufe, die Schumacher verpasste, war ausgerechnet sein Heimrennen auf dem Hockenheimring, wo der Benetton von Jos Verstappen aufgrund einer defekten Tankanlage Feuer fing.

Schumacher selbst durfte in Belgien wieder eingreifen. Der Deutsche kehrte hoch motiviert in das Fahrerfeld zurück. In Spa hatte er seinen ersten Lauf bestritten und sein erstes Rennen gewonnen. Die Ardennenachterbahn liegt zudem nur wenige Kilometer von Schumachers Heimat Kerpen entfernt. Was jedoch zu Schumachers umjubelter Rückkehr hätte werden sollen, wurde zur Fortsetzung der Skandale rund um das Benetton-Team, das zwischenzeitlich auch beschuldigt worden war, eine verbotene Traktionskontrolle einzusetzen. Schumachers Auto bestand die Nachkontrolle nicht. Die Unterboden-Platte war einen Millimeter zu dünn. Benetton erklärte diesen Umstand damit, dass der Deutsche sich diese beim Überfahren der Curbs abgeschliffen hätte. Tatsächlich waren entsprechende Bilder auch zu sehen. Nur: Die Platte war gleichmäßig zu dünn. Die Stewarts argumentierten damit, dass es einen solchen Zufall nicht geben könne, dass sich ein Fahrer den Unterboden gleichmäßig abgeschliffen habe. Schumacher wurde disqualifiziert.

Vor dem letzten Rennen waren Schumacher und Hill so nur noch durch einen Punkt getrennt. Die beiden Konkurrenten bestimmten das Rennen vom Start weg von den Plätzen eins und zwei. Der Deutsche konnte sich zwar erst einen Vorsprung erarbeiten, doch der Brite kam anschließend immer näher. In der 36. Runde rutschte Schumacher schließlich von der Strecke, berührte sogar die Mauer, kam aber vor Hill wieder auf die Piste. Dieser versuchte zu überholen, touchierte mit Schumachers Benetton, der abhob. Schumacher schied danach aus. Was er für drei Runden nicht ahnte, war, dass sein Fahrzeug beim Kontakt mit Hills Wagen dessen linke Vorderradaufhängung unbrauchbar gemacht hatte. Der Brite konnte das Rennen nicht fortsetzen – Schumacher wurde zum ersten Mal Weltmeister und der Name „Schummel-Schumi“ war geboren.

Und wieder Briatore: „Crashgate“ im Jahr 2008

2008 hoffte man bei Renault, wieder an die goldenen Zeiten der Jahre 2005 und 2006. Fernando Alonso, der die beiden Titel gewinnen konnte, kehrte nach einem frustrierenden Jahr bei McLaren Mercedes zum französischen Team zurück und sollte wieder um die Spitze fahren. Das Vorhaben misslang jedoch. Ferrari und McLaren waren zu stark: Schließlich war es Lewis Hamilton, der Weltmeister werden konnte. Der junge Brite hatte Alonso im Vorjahr durch seine starken Leistungen von McLaren vertrieben.

Briatore geriet unter gewaltigen Druck: Das finanziell schon gebeutelte Renault verlangte Ergebnisse für seinen großen finanziellen Einsatz. Der Spanier Alonso ließ seinem Frust über das schlechte Fahrzeug diverse Male freien Lauf. Es sei nicht sein Anspruch, um Rang fünf zu fahren, so der Spanier, der fast schon folgerichtig ein Jahr später seine Sachen packte und zu Ferrari ging.

Briatore ließ sich gemeinsam mit Renault-Technikchef Pat Symmonds ob des starken Drucks zu einem schweren Fehler hinreißen, der bis zum heutigen Tag nicht zu hundert Prozent aufgeklärt ist. Beim Großen Preis von Singapur am 28.9.2008 crashte Nelson Piquet Junior und sorgte so für eine Safety-Car-Phase. Teamkollege Alonso ging sofort in die Box und konnte den frühen Stopp dazu nutzen, das Rennen zu gewinnen, obwohl er von Startplatz 15 gekommen war. An den TV-Bildschirmen sah dies nach dem alten Phänomen „des einen Freud, des anderen Leid“ aus.

Daran sollte sich auch bis zur Mitte der Saison 2009 nichts ändern. Dann beging Briatore seinen zweiten Fehler: Er setzte Piquet Junior nach einer Reihe von schwachen Leistungen während des Jahres auf die Straße, was sich der Brasilianer nicht bieten lassen wollte. Er packte aus und erklärte öffentlich, er sei von seinem Team dazu angewiesen worden, in Singapur im Vorjahr zu crashen. Der Brasilianer belastete dabei namentlich Briatore und Symmonds schwer.

Die FIA nahm Untersuchungen auf und konnte das fast Unfassbare tatsächlich bestätigen: Piquet Junior war tatsächlich vom Kommandostand dazu angewiesen worden, einen Unfall zu bauen, der dafür sorgen würde, dass das Sicherheitsfahrzeug auf die Strecke kommen müsse. Renault übernahm die Schuld und akzeptierte sofort die Strafe, die das Team für zwei Jahre von allen Rennen ausschloss, allerdings zur Bewährung ausgesetzt wurde. Briatore und Symmonds wurden fristlos gefeuert.

Auch die beiden Männer sollten sich allerdings juristisch noch zu verantworten haben. Die FIA verbannte sie aus der Formel 1, doch ein französisches Gericht, dessen Zuständigkeit zumindest zweifelhaft war, hob den Bann wieder auf. Es verwies auf eine angeblich zu schwache Beweislage, obwohl Renault die Anweisung zugegeben hatte. Briatore erhielt sogar Schadenersatz in Höhe von 15.000 Euro zugesprochen. Um keine schlafenden Hunde zu wecken, erklärten Briatore und Symmonds, sie würden bis zum Jahr 2013 freiwillig auf eine Teilnahme an der Formel 1 verzichten. Der Brite wechselte anschließend zu Marussia, während Briatore mittlerweile so etwas wie der verlängerte Arm von Ecclestone ist, zu dem er ein freundschaftliches Verhältnis pflegt. Nelson Piquet Junior sollte bis zum heutigen Tag niemals wieder die Chance erhalten, irgendein Formel 1 Fahrzeug zu steuern.

Hier das Video zum absichtlichen Crash von Nelson Piquet Junior

Tyrell und das Blei: Das Jahr 1984

2014 gehen alle Formel 1-Fahrzeuge mit Turbo-Motoren an den Start. Es ist bekanntlich die Rückkehr einer Technologie, denn schon in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts fuhren die Renner der Königsklasse mit den Turbos. Der größte Unterschied: Damals durften die Teams jedoch frei wählen, ob sie stattdessen nicht lieber mit Saugmotoren unterwegs sein sollten.

Ken Tyrell traf für die nach ihm benannte Mannschaft im Jahr 1984 die falsche Entscheidung. Sein Auto war deutlich schwächer als die Fahrzeuge, die mit Booster unterwegs waren. Allerdings stellten die Verantwortlichen des Teams fest, dass der Saugmotor deutlich leichter als ein Turbo war. Man konnte problemlos das Mindestgewicht, das ein Wagen (600 Kilogramm) haben musste, unterschreiten. Das geringere Gewicht würde den Vorteil der anderen Teams durch die Turbos wieder aufwiegen, so die Überlegungen bei Tyrell – zumindest, wenn es gelingen würde, durch die  Kontrollen nach dem Rennen zu kommen.

In den Jahren zuvor hatten verschiedene Teams hierfür Wassertanks verwendet. Williams war beispielsweise 1982 erwischt worden. Vor dem Rennen füllt man diese auf, ließ sie während der Grand Prixs leer tropfen, um dann wieder nachzufüllen. Diese Variante stand für Tyrell allerdings nicht zur Debatte, weil die FIA diesen Trick gelernt hatte. Die Autos gingen stattdessen zu leicht an den Start. Beim letzten Boxenstopp füllte Tyrell nicht nur Benzin, sondern auch Blei in den Tank, welches dafür sorgte, dass die Autos nach dem Rennen schwer genug waren.

Allerdings fiel die gesamte Saison auf, dass die Rundenzeiten der Tyrell am Ende des Rennens regelmäßig einbrachen. Da die Wagen aber nicht gut genug waren, um ein Wort ganz Vorne um die Titel mitzusprechen, dachte man sich lange nichts dabei. Erst im Oktober flog das System schließlich auf. In Detroit wurde das Blei geflogen. Das Team und alle Fahrer verloren sämtliche Punkte, die sie in der Saison 1984 erfahren hatten. Seit damals kontrolliert die FIA auch die Tankanlagen, vor und nach dem Rennen.

Weitere Skandale in der Formel 1 Historie können sie im zweiten Teil nachlesen.